Spielerei

Dingliche Gutenachtgeschichte

Es war einmal ein kleines Anwartschaftsrecht. Seine Mutter war eine aufschiebend bedingte Übereignung, seine andere Mutter eine Ratenzahlungsvereinbarung. Am Anfang war das Anwartschaftsrecht sehr klein und schwach, und die dinglichen Rechte machten sich über es lustig. „Was bist du eigentlich, hm?“, wollte das Pfandrecht wissen. „Was kann man denn mit dir machen? Ich, ich mache es Leuten möglich, eine Sache zu verwerten und an Geld zu kommen. Also, ich könnte dich zwar auch nehmen, aber an dir ist ja gar nichts dran.“ „Und ich“, sagte die Hypothek, die große Schwester des Pfandrechts mit ihrer tiefen Stimme, „bin beliebt. Und einflussreich. Wegen mir sind schon ganze Krisen entstanden!“ Auch der Besitz war gemein zum kleinen Anwartschaftsrecht. „Du berechtigst nicht mal zu mir! Wozu willst du überhaupt gut sein?“, fragte er. „Geh doch zum gesetzlichen Schuldverhältnis, das nimmt fast jeden!“ Am gemeinsten war das Eigentum. „Du wirst nie so sein wie ich, egal, was der BGH sagt!“, hielt das Eigentum dem kleinen Anwartschaftsrecht vor. „Du bist nicht nur kein richtiges dingliches Recht, du stehst ja nicht mal im BGB!“ Das kleine Anwartschaftsrecht wurde trotzig. „Eines Tages werde ich ein Eigentum sein!“, erwiderte es. „Wartet nur ab!“ Aber die dinglichen Rechte glaubten ihm nicht, und es wurde sehr traurig. Nur der Erbvertrag versuchte, das Anwartschaftsrecht zu trösten. „Weißt du, manchmal geht es ganz schnell. Eben bist du noch eine Anwartschaft, und puff!, jemand ist tot, und dann wirst du ein Vollrecht! Hab ich schon oft gesehen, sowas.“ Aber das kleine Anwartschaftsrecht war damit nicht aufzumuntern, denn es war nunmal nicht aus einem Erbvertrag entstanden, sondern aus einer aufschiebend bedingten Übereignung. Eines Tages wurde es an jemand anderen übertragen (denn mit Anwartschaftsrechten kann man durchaus einiges machen). Es hatte große Angst, weil es von seinem ursprünglichen Inhaber getrennt war und befürchtete, nie mehr zum Eigentum werden zu können. Aber als die letzte Rate bezahlt war, fühlte sich das kleine Anwartschaftsrecht plötzlich groß und stark und konnte ganze Herausgabeansprüche allein tragen. Es war zum Eigentum geworden, und wenn die Sache, auf die es sich bezieht, nicht untergegangen oder herrenlos geworden ist, dann lebt es glücklich und zufrieden noch heute.

(Was genau ein Anwartschaftsrecht ist, ist zB. dort erklärt.)