Sprachverwirrung

Eine Arbeit für jemanden, die Elter 1 und Elter 2 erschlagen hat.

Eine meiner weniger angenehmen Eigenschaften – für mich selbst und für andere – ist die Tatsache, dass ich mich bisweilen auf eine Sache fixiere wie ein Jagdhund auf seine Beute und keine Ruhe habe, bis sie gejagt, gestellt, erlegt und ihre Knochen aufgebrochen sind. Ein moderierter Kommentar (vom 25. Januar 2019) bei meinem geschätzten Co-FAZ-Basher Muriel brachte mich auf die skandalösen Umtriebe nicht näher bezeichneter öffentlicher Stellen, die die Begriffe „Mutter“ und „Vater“ durch „Elter 1“ und „Elter 2“ ersetzen wollen. Angeblich. Überall. Schon bald. Für jeden. Was ich mich seitdem fragte: Wo kommt das denn her? Wieso glauben anschienend Leute diesen Unfug und fühlen sich ernsthaft davon bedroht? Immerhin haben neben obskuren Youtube-Kanälen auch leidlich seriöse Medien das Thema aufgegriffen. Ist da vielleicht doch was dran?

Die kurze Antwort: Nein.

Die lange Antwort: Menschen lieben ihre eigenen Vorurteile anscheinend so sehr, dass sie selbst dann unkritisch übernehmen, was diese bestätigt, wenn es sie ärgert, ihnen Angst macht oder sonst den Tag verdirbt.

Die Quellenlage zu Elter 1 und Elter 2 ist ziemlich dünn. Das in diesem Zusammenhang mehrfach erwähnte Dokument 12267 des Europarates enthält überhaupt nichts zu den „Elters“. Es befasst sich mit sexistischen Stereotypen in den Medien und empfiehlt einie Reihe von Maßnahmen, um die einseitige Darstellung von Frauen direkt zu bekämpfen oder indirekt auszubalancieren. Der Sprachleitfaden der Stadt Bern, der angeblich die Verwendung von „Elter“ vorschreibt, tut dies zumindest in der aktuellen Auflage nicht mehr. Gleiches gilt für den „Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren“ der schweizerischen Bundeskanzlei: „Elter“ wird als Variante erwähnt, aber als „sehr selten“ gekennzeichnet. Zudem bemerkt der Leitfaden ganz vernünftig, dass diese sog. „geschlechtsabstrakten“ Formen zwar helfen, Paarformen („Bürgerinnen und Bürger“) zu vermeiden, aber unpersönlich und distanzierend wirken und daher nur zurückhaltend einzusetzen seien.

Wo, fragt sich die aufgeweckte Leserin, ist denn jetzt eigentlich der Zusammenhang zwischen den eidgenössischen Leitfäden und dem Europarat? Das Dokument 12267 nennt als Verfasserin Doris Stump, eine Abgeordnete aus – Tadaa – der Schweiz. Doris Stump war bis 2011 Mitglied des Nationalrates und der schweizerischen Delegation beim Europarat. Allerdings hat sie bei beiden Sprachleitfäden nicht mitgearbeitet, wie sogar der Schweizer Presserat feststellte. Der einzige Grund, aus dem das Europaratsdokument und die Schweiger Sprachleitfäden zusammen genannt werden: Alle Medien, die das Thema aufgreifen, schreiben lieber vom Blick ab als zehn Minuten zu googlen.

Halten wir fest: Der Skandal besteht darin, dass der Europarat sexistische Stereotype in den Medien bekämpfen will und die Schweizer ihren Verwaltungsmitarbeitern geschlechtergerechtes Formulieren vorschreiben.

Dazu der Deutschlandfunk: „Abschaffung! Alles nur noch geschlechtsabstrakt!“ (Geh weg, DLF, du enttäuschst mich.) „Entmannung! Abschaffung des Mannes! Ernsthaft beängstigend!“ ereifert sich die SZ. (Geh weg, SZ, reine Panikmache. Außerdem: Hat dir keiner gesagt, dass ein Mann, der über seine sprachliche Abschaffung nörgelt, sich einfach mitgemeint fühlen kann?) „Sprachirrsinn!“, titel Blick. (Geh weg, Blick, deine höchst mäßige Lesekompetenz hat schon der Schweizer Presserat beanstandet.) Und das sind nur die zitierfähigen Reaktionen, ich erspare uns allen die von blindem, geifernden Hass erfüllten Blog- und Forenartikel zum Thema, über die ich gestolpert bin. Anscheinend genügt der bloße Gedanke an etwas mehr sprachliche Gleichberechtigung, und bei manchen setzt das kritische Denken schlicht aus. Zudem ist der Dunning-Kruger-Effekt stark mit denen, die glauben, die hätten die Absurdität geschlechtergerechter Formulierungen durchschaut: Haha, die Salzstreuerin! Das Europarat! Elter 3 und 4! Ich nehme ja echt nicht oft und schon gar nicht aus Prinzip die Verwaltung in Schutz, aber es soll vorkommen, dass die Leute dort auch ab und zu mal einen Gedanken haben. Viele Leitfäden, so auch die schweizerischen, thematisieren die Fallstricke und Unschönheiten geschlechtergerechter Sprache ganz offen und schlagen häufig mehrere Alternativen vor oder beschränken sich im Ergebnis dann doch auf Anregungen. Eine Person, die da mal reingeschaut hat, wüsste das. Aber anscheinend ist die Angst vor weniger sexistischer Sprache und die Versuchung, mal wieder auf den ach so weltfremden EU-Institutionen herumzuhacken, übermächtig.

Wer also ernsthaft behauptet, demnächst dürfe niemand mehr Vater und Mutter sagen, hat in der Tat ein Problem. Nur eben nicht die „Sprachpolizei“.