Staatsexamen

7 Tipps für den Weg zum Volljuristen

Long time no blog – inzwischen bin ich mit dem 2. Examen fertig. Und weil jetzt die Ära meiner Ausbildung zu Ende ist, eine kleine Reflexion über die Tipps für Studium und Referendariat, die mir im Laufe der Jahre so über den Weg gelaufen sind.

1. Rechtzeitig anfangen zu Lernen. Das Examen ist noch Monate hin? Kein Grund, nicht von Morgens bis Abends in der Bibliothek zu sitzen. Und auch wenn es noch Jahre hin ist: die Anfangsphase ist besonders wichtig, in den ersten Semestern werden die Grundlagen gelegt, ohne die es später nicht geht.

2. Scheine sind wichtig. Wer nach dem Prinzip „Vier Gewinnt“* durch das Studium kommt, könnte im Examen eine böse Überraschung erleben – die Faustregel lautet angeblich, dass man im Examen ca. zwei Notenpunkte unter seinem Durchschnitt aus dem Studium landet. Die „Vier Gewinnt“-Spieler fielen demnach mit zwei Punkten glatt durch.

3. Definitionen sind das A und O. Lernt Definitionen auswendig. In der Klausur müssen die sitzen, und auch wenn im 2. Examen Kommentare verwendet werden dürfen, Zeit zum Nachschlagen lässt der Klausurersteller in aller Regel nicht.

4. Meinungsstreits** müssen sitzen. Für sie gilt das selbe wie für Definitionen: man muss sie einfach wissen. Am besten also mit einem Lehrbuch eurer Wahl hinsetzen und die wichtigsten Meinungsstreits auswendig lernen.

5. Lerngruppen bilden. Mit anderen zusammen lernt es sich besser und man kann sich gegenseitig motivieren.

6. Lehrbücher durcharbeiten. In den Vorlesungen bzw. AGs wird nie der komplette Stoff vermittelt. Unerlässlich ist es daher, sich begleitend dazu jeweils ein Lehrbuch zu schnappen und es einmal komplett durchzuarbeiten.

7. Selber denken macht schlau. Nichts davon schadet, aber auch nichts davon ist meiner Ansicht nach zwingend notwendig. Ich habe so ziemlich keinen davon beherzigt, oder jedenfalls nicht konsequent, und trotzdem sehr ordentlich abgeschnitten. Das liegt nicht daran, dass ich eine brillante Überfliegerin bin, sondern dass ich irgendwann begriffen habe, dass man den Sch$%!“ einfach durcharbeiten muss, um ihn zu verstehen – und dass mir persönlich das am besten gelingt, indem ich viel nachlese und gelegentlich mit anderen darüber diskutiere oder darüber schreibe. An den untauglichen Versuch in vermeintlicher Mittäterschaft erinne ich mich immer noch. Lerngruppen dagegen waren nie meins, und ich habe insgesamt genau ein Lehrbuch wirklich von vorn bis hinten durchgearbeitet. Der Faktor Zeit kommt dann von ganz allein ins Spiel, da die Menge des zu bewältigenden Stoffes wirklich exorbitant hoch ist. Ebenso der exzessive Gebrauch von Lehrbüchern, Kommentaren und Aufsätzen. Manche Dinge versteht man erst im zweiten, dritten oder x-ten Anlauf. Definitionen und Meinungsstreitigkeiten lernt man auf diese Weise häufig mit, weil man sie immer wieder liest. Irgendwann macht es „Klick“, und ungefähr ab diesem Zeitpunkt sind auch völlig fremde Gesetzestexte kein Grund mehr, Blut und Wasser zu schwitzen, weil man sich eine systematische Herangehensweise erarbeitet hat, die wesentlichen Argumentationsmuster beherrscht und Ähnlichkeiten zu bekannten Problemen erkennt. Der Weg dahin ist aber für jeden anders, und die Kunst besteht darin, das möglichst früh herauszufinden. Den ultimativen Tipp für alle gibt es also nicht.

*Die Notenskala reicht von 0 bis 18 Punkten. Ab 4 Punkten hat man bestanden. 18 Punkte sind extrem selten. Ziemlich gut ist man ab 9 Punkten, das sogenannte „vollbefriedigend“. 20 % aller Kandidanten schneiden mit „vollbefriedigend“ oder besser ab, nennt sich dann auch „Prädikatsexamen“. Und ich habe keine Ahnung, wieso die Skala so ist, wie sie ist.

**Zu so ziemlich jedem Gesetz gibt es unterschiedliche Ansichten. Und da manche Gesetze schon etwas älter sind, gibt es zu ihnen sehr viele unterschiedliche Ansichten, deren Begründungen teilweise über Jahrzehnte entwickelt wurden. Das sind die so genannten „Meinungsstreits“, die vor allem im Studium relevant sind. Die Rechtsprechung orientiert sich größtenteils an dem, was die oberen Gerichte sagen, weshalb es für Praktiker wichtiger ist, den BGH-Newsletter zu bekommen, als die neueste wissenschaftliche Theorie zu kennen. Was Jura als Wissenschaft im engeren Sinne weitestgehend disqualifiziert, in meinen Augen.