Mietlifecrisis

Vermieter sind eine eigene Spezies Mensch. Ganz offensichtlich handelt es sich bei ihnen um ein zivilisationseigenes Übel, da schon im alten Rom zum Teil unbewohnbare Mietskasernen mit für damaligen Verhältnissen wahnwitzig vielen Stockwerken errichtet wurden, die nicht selten ihre Bewohner in lauen Sommernächten unter sich begruben. Nun sind die Häuser seit damals stabiler geworden, die Kluft zwischen denen, welche Wohnraum besitzen, und denen, die ihn irgendwie zeitlich begrenzt erwerben müssen, ist es auch. Dabei handelt es sich hier um einen der Märkte, an denen der Kapitalismus-Faktor noch das geringste Übel ist. Selbst in München, wo Wohnraum nach allgemeiner Ansicht sehr teuer ist, lässt es sich regelrecht billig wohnen, das, was einem den Alltag im untergemieteten Zimmer wirklich vergällt, sind die menschlichen Unzulänglichkeiten.

Schon an dieser Stelle muss ich einen Einschub anbringen: ich bin durchaus ein toleranter Mensch. Ich wäre wirklich nie auf den Gedanken gekommen, meinen Vermieter, nennen wir ihn gleich Detlef, deswegen schief anzuschauen, weil er schwul war. Ich schaute ihn schief an, weil er schwul war und seine komplette Wohnung mit Plüschbären besetzte; man konnte nirgendwo hintreten, ohne eines dieser Biester versehentlich runterzuschmeißen, die in grinsenden Reihen auf dem Sofa und sonstwo saßen. Männer jenseits der Fünfzig sollten keine Plüschbären sammeln, wenn sie ernst genommen werden wollen. Detlef wollte offensichtlich um keinen Preis der Welt ernst genommen werden, denn er verfügte neben zahllosen Bärchen auch über eine jener neckischen Schürzen, auf denen der Torso eines unbekleideten Mannes mit einem wahrhaft eindrucksvollen … lassen wir das, aufgedruckt ist. Beachtlich war vor allem die Divergenz zwischen dem „Ideal“bild auf der Schürze und ihrem Träger, und ich wusste morgens nicht, ob mir übel oder zum Lachen war. Außerdem gab es ein beachtliches Kommunikationsproblem: dem guten Manne mußte alles mehrfach gesagt werden, und den Zusammenhang zwischen Arbeit und Abwesenheit beim freitagvormittäglichen Wohnungsputzen war ihm auch schwer zu verklickern. Irgendwann war es einfach unschön.

Nun erträgt der Mensch durchaus einiges, aber nur, wenn er nicht auch noch eine statttliche Summe Geld für diese Art von Panoptikum bezahlen muss. Ich mußte, und deswegen griff ich zwecks Änderung der Situation zur denkbar einfachsten Methode: Umziehen.

Und kam damit vom Regen in die Traufe. Nämlich wieder in das Haus eines älteren Mannes, der es sich zur Aufgabe gemacht zu haben schien, so viele junge Mädchen wie möglich dort unterzubringen. Somit kamen schon mal zwei bis drei Leute auf ein Zimmer, aber der Preis war einfach unschlagbar. Andererseits gab es diverse Zusammenstöße zwischen mir und der Hausordnung. Vermieter entwickeln sich nämlich, wie alle Menschen, denen man unvorsichtigerweise einen kleinen Herrschaftsbereich überlassen hat, gern zu Tyrannen. Aufgeschriebene Hausordnungen kann man wenigstens auslegen, wenn man es nicht kann, hilft gern ein Anwalt. Ungeschriebene Hausordnungen kann man nicht auslegen, nur hoffen, dass derjenige, der sie sich ausdenkt, wenigstens eine konstante Macke hat und nicht ständig Erweiterungen auftauchen. Oder Zettel. Post ist an sich eine schöne Sache, und groß ist die Freude, wenn man in der Küche eine liebevoll handgeschriebene Mitteilung findet, dass das Herumstehen von schmutzigem Geschirr verboten sei. Nun gehört es einfach zum traurigen Los von Geschirr, Teile seines Daseins damit zu verbringen, aufs Abwaschen zu warten, weil man schon aus Wasserspargründen nur einmal am Tag alles aufwäscht, was anfällt, und nicht dauernd jeden Fitzel abspült. Keineswegs gehört es zum Aufgabenbereich von Vermietern, tägliche Kontrollgänge in die Küche durchzuführen, vor allem, wenn sie selbige gar nicht benutzen müssen. Allerdings beschränkten sich die Kontrollgänge nicht auf die Küche.

Kommt man nach einem anstrengenden Arbeitstag heim und freut sich auf Ruhe, Frieden und Nichtstun, können schon mal neue Gesichtsausdrücke erfunden werden, wenn das Bett plötzlich ganz woanders steht. Nun kam als Übeltäter nur der Vermieter in Betracht, nach dem Sinn der Maßnahme gefragt, meinte er, im Winter würde es in der Ecke häufig schimmeln. Das die Vermietung eines solchen Zimmer beinahe schon die Genfer Konventionen verletzt, schien ihm ferne zu liegen, weswegen ich das nächstliegende Gegenargument anbrachte: Es herrschte julibedingt eine Hitzewelle, die absehbar nicht vorübergehen würde. Antwort: Trotzdem.

Solche Argumentationsweisen hat man unsereinem im Kleinkindalter schleunigst abtrainiert, um eine gesellschaftliche Diskussionskultur wenigstens theoretisch möglich zu machen, und an diesem Punkt war mir auch klar, warum. Leider lassen sich Menschen, die wie besagter Vermieter schon im leicht fortgeschrittenen Alter sind, nicht erziehen. Ein wortloser Kampf entbrannte: Wenn ich heimkam, stand mein Bett woanders, und ich rückte es wieder in seine Ecke, war ich ein paar Stunden aus dem Haus, stand es schon wieder woanders. Der Fußboden sah nach einer Weile entsprechend zerkratzt aus.

Das war der Auftakt einer Serie ähnlich gelagerter Vorfälle, die ihren Höhepunkt irgendwann Ende Juli fand. Ich hatte meine Wäsche in den Keller gehängt, weil das Wetter vormittags einen eher durchwachsenden Eindruck machte, und war dann in die Stadt gefahren. Bei meiner Rückkehr hing die Wäsche plötzlich draußen. Jeder, der schon mal unerlaubt in meinen Sachen gewühlt hat, kann bestätigen, dass ich so etwas gar nicht witzig finde, und in heiligem Zorn entbrannt stellte ich meinen Vermieter zur Rede, was leider an zwei Umständen scheiterte: zum einen begriff er gar nicht, was daran seltsam sein sollte, dass ein älterer Herr sich eingehend mit Frauenkleidern befasste, und dann erhielt er, taktisch äußerst günstig, einen Anruf, bevor ich ihm verklickern konnte, wo genau er sich seine Hausordnung, mit der er jeden Eingriff in die Privatsphäre seiner Mieterinnen rechtfertigte, hinstecken konnte. Angeblich enthielte diese nämlich eine Klausel, nach der Wäsche gefälligst, es sei denn bei sintflutartigen Regenfällen, im Freien zu trocknen sei. Dagegen mußten seine Polster für die Gartenstühle, die wir großzügigerweise mitbenutzen durften, selbst bei schönsten Wetter und minimal kurzer Nichtbenutzungszeit ins Haus geräumt werden; es könnte ja anfangen, zu regnen.

Kreativität konnte man meinem zweiten Vermieter jedenfalls nicht absprechen, ständig kamen neue Punkte zur Hausordnung hinzu, und somit etwa jeden dritten Abend eine mit rasend machender Selbstverständlichkeit vorgetragene Ermahnung. Meine Höflichkeit war längst zur Frostigkeit verkommen, und um dieser Kontrollsucht zu entkommen, griff ich zu einem bewährten Mittel: Umziehen.

Die dritte Wohnung, ein Zimmer zur Zwischenmiete, war aber nahezu perfekt: dem Vermieter fiel es im Traum nicht ein, unbefugt das Zimmer zu betreten, und Bären oder Frauenunterwäsche sammelte er auch nicht. Gut, die Fensterrahmen blätterten ab, der Putz bröckelte, unter der Dachschräge zeichneten sich Risse im Gebälk ab, das Klo spülte nicht und die Tür neigte dazu, verklemmt zu sein. Aber was erträgt man nicht alles für ein bißchen Privatsphäre.

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