Monat: Februar 2012

Bibliotheksskizzen

Manchmal, wenn das mit dem untauglichen Versuch in vermeintlicher Mittäterschaft oder den elaborierten Verschränkungen des Schuldrechts nicht so richtig in mein Hirn will, nutze ich die Zeit in meiner Lieblingsbibliothek anderweitig. Da sitzt ein Haufen Leute, verbunden allein durch das Streben nach akademischer Erkenntnis (könnte man meinen, bis man Gelegenheit hat, einen Blick auf die Bildschirme zu werfen), und halten still. Wunderbare Gelegenheit für ein paar flüchtige Skizzen:

Was für eine Frisur. Besonders die oberen Haare lagen viel exakter, als hier wiedergegeben. Nur am Hinterkopf entkam eine Strähne.

Den hier mag ich am liebsten. Schon wegen seiner ausdauernd konzentrierten Haltung.

Sie war hauptsächlich… pink.

Sie war, anziehtechnisch, das glatte Gegenteil zu mir. In dem Lesesall ist es dermaßen a****kalt, dass ich mit Pullover und Strickjacke dasitze.

Ihr dachtet nicht, dass ihr ohne einen Zombie davonkommt, oder? Und ja, das ist ein Hirn, was er da auf dem Teller hat. Mahlzeit.

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52 Bücher, Woche 17: Vorurteile

Das Motto diese Woche lautet in seiner ganzen Pracht:

Wie wär’s also mit Büchern, die man am Anfang so überhaupt gaaaaar nicht lesen wollte, weil beim Lesen des Titels und Klappentextes alle nur erdenklichen Klischees der Welt das Gefühl von Och-nich-noch-so’n-Buch herbeiriefen… sich dann aber – auf Drängen und Nötigungen anderer doch das Lesen aufgezwängt – das Buch als kleiner Schatz entpuppt hat, bei dem es schade gewesen wäre, das man es nicht gelesen hätte.

Das ist schon aus Gründen der selektiven Erinnerung ziemlich schwierig. Denn entweder wird mir ein Buch aufgedrängt, und ich finde es toll, dann neige ich hinterher zu der Annahme, ich hätte es aus eigenem Antrieb gelesen, oder ich finde es doof, dann bleibt es ungelesen irgendwo liegen und fällt dem Vergessen anheim. Ein Buch allerdings, bei dem ich mich noch gut an die Vorurteile erinnern konnte, die ich vor dem Lesen hatte, ist „Schilf“ von Juli Zeh. Weniger wegen des Buches an sich, als vielmehr, weil mein erster indirekter Kontakt mit Juli Zeh in einem Schülerzeitungsartikel über „Spieltrieb“ bestand, der sowohl von den zitierten Passagen als auch der übrigen Einschätzung des Buches her bestens dazu geeignet war, mich wissen zu lassen, das dies keine Literatur für mich sei. Der Artikel war zwar lobend bis überschwänglich, aber auf eine ziemlich pseudointellektuelle Art, wie sie Jugendlichen manchmal zu eigenen ist, die gerade den Existentialismus entdeckt haben und denken, außer ihnen habe noch keiner Sartre verstanden. Außerdem fand ich den Stil von „Spieltrieb“ aufgesetzt und reichlich anstrengend, da zwar ständig irgendjemand über Werte, Nihilismus und Gott sinnierte, sich die Handlung aber  – meiner flüchtigen Einschätzung nach – auf ein Beziehungsdrama reduzieren ließ, das völlig im Gegensatz zur ach so großen Intelligenz der Protagonisten stand.

Und dann schenkte mir eine Freundin von einigen Jahren, trotz meiner ausdauernd kundgetanen Abneigung gegen Juli Zeh, „Schilf“. Geschenkte Bücher sind zu lesen, da hilft alles nichts, und zu meinem großen Erstaunen war ich schon nach ein paar Seiten bekehrt oder zumindest eines Besseren belehrt. Der Plot ist simpel-krimihaft. Kommissar Schilf, der Vögel hasst, dessen Kopf aber ein „Vogelei“ ausbrütet, muss seinen wahrscheinlich letzten Fall lösen: Ralph Dabbeling und dessen Kopf haben eine abschüssige Fahrradstrecke getrennt voneinander beendet. Der Sohn des Physikers Sebastian wurde entführt, doch nicht entführt und kommt unversehrt aus dem Ferienlager wieder. Sebastian ist mit der betont schönen Maike verheiratet, liebt aber seinen genialen Kollegen Oskar, der am CERN forscht und von Sebastians Theorien fast ebenso wenig hält wie von dessen Unfähigkeit, sich zwischen ihm und einem Leben mit Frau und Kind zu entscheiden.

Neben der Krimihandlung sinnieren die Protagonisten ausdauernd über das Wesen der Zeit, der Wirklichkeit und was ihnen sonst noch vor die philosophische Flinte kommt. Wäre der Roman eine Jura-Klausur, Juli Zeh bekäme sicher eine hohe zweistellige Punktzahl für das Erkennen und Abhandeln der wichtigsten Probleme aus den Schnittmengen Quantenphysik, Philosophie und Wahnsinn. Das führt allerdings dazu, dass der Stil nicht nur rasant, sondern auch auf überkomplexe Art und Weise geschwätzig wirkt, damit auch wirklich alle großen Fragen auf 383 Seiten passen. Und dann sind da noch die Metaphern, die in jeder Satzecke lauern und von denen ich immer noch nicht so richtig weiß, ob ich sie genial, aufdringlich oder selbstverliebt finde, meistens ist es ein bisschen von allem in wechselnden Mischverhältnissen. Aber schlussendlich ist da noch der Satz, für den allein ich dieses Buch schon mögen würde, auch wenn der Rest einfach nur doof wäre: „Der Mensch ist ein Loch im Nichts.“

In diesem Sinne: vielen Dank nochmal.

Metasenf

Im Zuge der neuen antizyklischen Aufregungsrichtlinie hier bei Fingerkuppenweitspucken wollte ich eigentlich Bilder flauschiger Kätzchen posten, aber dann konnte ich keine finden. Stattdessen  werde ich nun doch meine Ansichten zur Gauck-Debatte kundtun. Diejenigen, die das Ganze schon gründlich über haben (zum Beispiel, weil ich sie auf Facebook schon damit genervt habe), können einfach nach unten scrollen.

Ad 1: Mit meinen Ansprüchen an einen Bundespräsidenten komme ich mir auf einmal so bescheiden vor, wenn ich lese, was dieser eigentlich soll (und Gauck nach Ansicht des jeweiligen Autors nicht kann). Dabei reichte es mir schon, er wäre a) in der Lage, Empfänge durchzustehen, ohne Anzeichen von Müdigkeit, Langeweile oder Überdruss zu zeigen bzw. bei anderen hervorzurufen, b) Gesetze zu unterschreiben, c) zu wissen, wann es besser ist, gerade das nicht zu tun bzw. zu verstehen, was ihm sein Stab juristischer Experten dazu erklärt und d) würde ab und an eine Ernennung oder Begnadigung vornehmen. Außerdem kann er e) Reden halten, die wahlweise nichtssagend, vieldeutig oder „historisch“ sind. Natürlich soll er nach Möglichkeit alle gesellschaftlichen Gruppen ansprechen, usw., usf., aber mal ganz im Ernst: wenn ich mich in andere hineinversetzen will, brauche ich dazu keinen Bundespräsident. Und wenn ich das nicht will, kann ein solcher wenig ausrichten.

Ad 2: Ich finde es geradezu befremdlich, jemanden als Bundespräsidenten abzulehnen, nur weil er nicht derselben Meinung ist wie man selbst. Die einen regen sich darüber auf, dass Bundespräsidenten spätestens seit Angela Merkel nur zahme Grüßauguste sind, die keine eigene Position haben, die anderen beschweren sich, dass der entsprechende Kandidat eine Position hat, die mit der eigenen nicht kompatibel ist. Was ist daran so schlimm? Ich schaffe es auch meistens, nicht beleidigt zu sein, weil im Gegensatz zu mir fast alle anderen Atomkraft total doof finden.

Ad 3: Gauck zu mögen war vor zwei Jahren, als er keine Chance hatte, gewählt zu werden, anscheinden einfacher, weil er „einer von uns“ war und nicht zu „denen da oben“ gehörte. Jetzt, wo Koali- und Opposition sich ihn offiziell als „Wunsch“kandidaten einverleibt haben, scheint der schlechte Ruf der Politik hierzulande unmittelbar auf ihn überzugreifen.

Ad 4: Batman, zu Hülf! Er ist nicht gegen den Kapitalismus! Meine Tischkante zeigt schon deutliche Abnutzungserscheinungen, aber ich habe immer noch nicht so richtig herausgefunden, warum „den Kapitalismus kritisch hinterfragen“ so eine präsidiale Tugend sein soll. Ich meine, Sachen kritisch zu hinterfragen ist immer gut, aber „den Kapitalismus kritisch zu hinterfragen“ klingt für mich ähnlich ergebnisoffen wie die „vorurteilsfreie Debatte über den Islam“, die gelegentlich gefordert wird. Das Ergebnis sollte möglichst schon beinhalten, den Kapitalismus(/den Islam) schlecht zu finden, sonst kann die Debatte ja unmöglich offen gewesen sein. Zumindest geht von diesen Aufforderungen manchmal eine unheimliche Suggestivwirkung aus, finde ich.

Ad 5: Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber diesselben Leute, die Sozialismus & Co. erwägenswert finden und sich beschweren, dass die Linkspartei bei der Kandidatenfindung übergangen wurde, werfen Gauck vor, er sei ja in der DDR gar kein aktiver Bürgerrechtler gewesen. Das ist irgendwie lustig. Nun weiß ich nicht, wie das bei Gauck im Einzelnen war, aber mein Großvater war ebenfalls ostdeutscher Pfarrer, und auch wenn ich selbst die DDR nicht mehr mitbekommen habe, hatte ich den Eindruck, dass die meisten Pfarrer in ihren Gemeinden sowas wie „kleine Bürgerrechtler“ waren. Sich dann darüber zu streiten, wer mehr Bürgerrechtler war, ist zumindest dann etwas überflüssig, wenn der Betreffende selbst sich (womöglich ja aus gutem Grund) gar nicht als einer, der schon immer dabei war, stilisiert.

Ad 6: Ich hab doch noch ein Kätzchen-Bild gefunden.

Wie ich entdeckte, dass das Internet voll von Leuten mit seltsamen Ideen ist

Derzeit versuche ich gerade, mir abzugewöhnen, auf irgendwelchen Eso-, Verschwörungs- oder Reichsdeutschenseiten zu lesen, weil ich davon nicht nur üblen Bluthochdruck bekomme, sondern auch ein bisschen Angst. Unter anderem vor Leuten, die seitenlange, völlig inhaltslose Klageschriften gegen die „BRD GmbH“ verfassen und sich dann über den Richter aufregen, der ihnen einen bündigen Nichtannahmebeschluss zustellt wegen Querulantenwahns, und unverblümt mit Gewaltmaßnahmen drohen, sollte nicht der Kaiser wieder eingesetzt/Frau Merkel verhaftet/die Ostgebiete zurückgegeben werden. Oder eine Horde „Lichtarbeiter“, die sich ereifern, wen man von den Zionisten/Illuminaten/Präsidentschaftskandidaten zuerst festnehmen soll, damit die kosmischen Strahlen der Liebe endlich ungehindert die Herzen der Menschen erreichen können. Was für eine gruselige Vorstellung: in irgendeinem abgelegenen Keller sitzt Newt Gingrich und wird so lange mit „Kumbaya, my Lord“ beschallt, bis er die Wahrheit erkennt. Und sich der Galaktischen Föderation des Lichts anschließt. Wohlgemerkt, diese Abstrusitäten muss man nicht lange suchen. WordPress präsentiert sie freundlicherweise auf der Startseite nach dem Einloggen. Und nennt mich feige, aber ich verlinke die hier vor allem deswegen nicht, weil ich bislang durch die Bank sehr nette und vernünftige Kommentatoren hier hatte und möchte, dass es so bleibt. Kommunistennazitrolle sind eine Sache, aber ich glaube nicht, dass mein Nervenkostüm Leuten gewachsen ist, die tatsächlich denken, die Erdachse kippt, weil die Mondsichel schief steht.

Gut, dass das Internet voll mit Bekloppten Menschen mit sonderbaren Ideen ist, wisst ihr alle selber. Was ich mich frage: sind das womöglich immer diesselben Bekloppten Menschen, nur jeweils mit dem Schwerpunkt auf unterschiedlichen bekloppten sonderbaren Ideen? (Vielleicht ist die Frage auch schon irgendwo geklärt. Falls ja, bitte ich um Mitteilung.) Bei der Lichtarbeiter-Fraktion nämlich findet sich ein Eintrag, in dem irgendjemand stolz präsentiert, die Galaktische Föderation des Lichts (oder so ähnlich) beim Amtsgericht XY eingetragen zu haben (Cool, zu was man alles einen rechtsfähigen Verein gründen kann. Ob der dann aber als „gemeinnützig“ anerkannt wird, bezweifle ich ja irgendwie). Und, man glaubt es kaum, ein paar Kommentare später kam der Einwand, eine Eintragung bei einem „so genannten Gericht der BRD GmbH“ sei ja eh nicht viel wert, der auch eine gewisse Zustimmung erntete. Dazu passt dieser Artikel hier von Ali Arbia, ScienceBlogs-Lesern bekannt als zoon politikon, der kurz gesagt eine Verbindung zieht zwischen Terroristen und Verschwörungstheorien. (Und nein, nicht die Art von Verbindung, bei der Aliens eine tragende Rolle spielen). Nun möchte ich keinesfalls so weit gehen, Leute, die den 2+4-Vertrag nicht kennen, oder Leute, die von Lichtnahrung zu leben meinen, mit Terroristen in einen Topf zu werfen. Allerdings kann man die beiden ersten erwähnten Gruppen sehr gut miteinander in einen Topf werfen, denn sie haben in der Tat einiges gemeinsam. Natürlich die üblichen Verschwörungsmerkmale, aber auch eine Neigung einerseits zu Gewaltdrohungen (Festnahmen „namhafter Illuminaten“ bei den Lichtarbeitern, gewaltsame Wiedererrichtung des Deutschen Reiches oder Schlimmeres bei den BRD-GmbH-Leuten), und andererseits die Tendenz, Dinge, die an sich von weit außerhalb des Randes der Vernunft kommen, zu rationalisieren. Das Faszinierendste in der Hinsicht (Falls ihr es noch nicht gemerkt habt, ich bin irgendwie zwangsgestört – ich kann manchmal gar nicht anders, als diesen Quatsch zu lesen. Das ist wie auf zweiköpfige Kälbchen starren.) war eine Debatte, die sich an einer Durchsage von Erzengel Uriel (oder war´s Michael?) entzündete, die im Kommentarbereich gelandet war. Völlig gelassen diskutierten die Teilnehmer dann, ob gechannelte Engeldurchsagen nur dann echt sein könnten, wenn sie in einem eigenen Blogeintrag veröffentlich werden, oder ob es tatsächlich reicht, wenn sie in den Kommentaren auftauchen. Der Konses ging dann unter in kosmischer Liebe, jedenfalls so lange, bis es wieder um die Illuminaten ging. Die BRD-GmbH-Fraktion hingegen stritt sich dann, warum im Einzelnen ihre Klageschriften (die sich gleich gegen das gesamte Kabinett richten) von den Richtern abgelehnt werden – denken die Richter wirklich, sie seien legitimiert, oder sind sie auch Teil der „Elite“?

Damit sind wir dann aber auf Umwegen doch bei den Terroristen – Einzelne, die so in ihrer Wahnwelt versinken, dass sie irgendwann zu Gewaltmaßnahmen greifen. Und da sind wir dann wieder bei dem Punkt, der mir Angst macht: wenn das am Ende doch mehrheitlich diesselben Leute sind, dann füttert womöglich eine Wahnvorstellung die andere, und mit dem Grundgesetz, geschweige denn den Freiheitsrechten anderer, haben die´s alle nicht so. Und oben erwähnter Eso-Kram zählt anscheinend zu den besucherstärksten deutschsprachigen Blogs, das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand das Ganze eines Tages zu ernst nimmt – nee, ich mag gar nicht drüber nachdenken. Wo ist eigentlich der Verfassungsschutz, wenn man ihn mal braucht?

52 Bücher, Woche 16: Romantisches Zeuchs

Ja, das steht da wirklich so. „Romantisches Zeuchs“. Da nehme ich diese Woche doch glatt mal… Frankenstein oder Der moderne Prometheus von Mary Wollstonecraft, spätere Shelley. Die Anteile an valentinstagsassoziierter Romantik halten sich darin sehr in Grenzen (entgegen seiner eindringlichen Bitten bekommt das Monster keine Gefährtin, aus Rache ermordet es die Braut seines Schöpfers in der Hochzeitsnacht), dafür kommt, was die Literaturwissenschaft als Romantik bezeichnet, voll zur Geltung: Ich-Erzählsituation und Briefroman, ein Haufen Naturbetrachtung, Empfindsamkeit, Identitätskrisen, Fortschrittsskepsis und natürlich Tod, Nacht und, ähm, Tod.

Viktor Frankenstein, findet in der Synthese der Lehren Agrippas, Albertus Magnus´ und Paracelsus´ (für die Romantiker vermutlich das, was Tesla heutigen Verschwörungstheorien ist) mit den modernen Naturwissenschaften die Formel, die es ihm erlaubt, aus toten Teilen Leben zu bauen, allerdings schlampt er bei der Umsetzung und so wird die Kreatur, die entsteht, eine furchtbar hässliche. Am Anfang ist das das einzige Problem – das Monster ist nicht böse, sondern nur übel von Angesicht, und recht intelligent, denn es bringt sich autodidaktisch Lesen und Schreiben bei. Allerdings laufen bei seinem Anblick dauernd Leute schreiend davon, als erstes sein Schöpfer Viktor, und danach eigentlich auch alle, denen es begegnet. Diese dauernde Ablehnung macht die Kreatur (einen Namen gibt es nicht) rachsüchtig und verbittert, und im Verlauf der Geschichte sterben, wie oben abgedeutet, eine Menge Leute, hauptsächlich solche, die Viktor Frankenstein am Herzen liegen. Dabei will sein Geschöpf eigentlich nichts anderes, als von irgendwem geliebt oder wenigstens akzpetiert zu werden, wesewegen es auch Frankenstein bestürmt, ihm eine Gefährtin zu bauen, die mindestens genauso hässlich ist wie es selbst. Frankenstein allerdings hat Angst, dass die beiden dann Monsterkinder bekommen und weigert sich, was die ebenfalls oben schon erwähnten Konsequenzen hat.

Eigentlich könnte man das Buch sogar als Folge einer Klimakatastrophe bezeichnen, da der Sommer des Jahres 1816 wegen eines Vulkanausbruches ausfiel und deswegen ein Haufen illustrer Engländer am Genfer See beschloss, wenn es schon mit der Sommerfrische nichts werde, dann trage man sich eben gegenseitig selbstverfasste Gruselgeschichten vor. Ein Grund mehr, um gegen Vulkanausbrüche zu sein – ich muss zugeben, ich konnte mit dem Buch nur mäßig viel anfangen, was nicht so sehr am Plot lag als vielmehr an der Sprache. Ständig hält irgendjemand ausführliche Introspektion, teilweise dreifach verschachtelt – der Kapitän, dessen Schiff Viktor aufgabelt, erzählt, was Viktor ihm erzählt, was das Monster Viktor erzählt hat, nämlich seitenlang dessen Empfindungen angesichts einer Blumenwiese. Die brutalen Todesfälle und der sehr empfindsame Ton stehen in  so starkem Kontrast zueinander, dass keins von beiden richtig wirkt. Emotional mochte ich mich auf den Roman nicht einlassen, aber Spannung oder Grusel kam auch nicht auf. Andererseits ist das Buch auch nicht zu Unrecht noch heute so bekannt: die Themen der klassischen Horrorliteratur sind alle versammelt, dazu noch ein paar „Archethemen“ wie Liebe, Rache, Erkenntnisdrang und die Folgen nachlässig durchgeführter wissenschaftlicher Experimente. Vielleicht sollte Stephen King einfach noch mal eine Kurzgeschichte draus machen.

52 Bücher, Woche 15: In Griffweite

Habt ihr ein Glück, dass ich mich gerade vom Arbeits- ins Wohnzimmer begeben habe. Anderenfalls würde ich euch heute die Nomos-Textsammlung zum Zivilrecht vorstellen, das Bücherthema diese Woche ist nämlich weniger ein Thema als vielmehr eine Handlungsanweisung: „Greif Dir das Buch, das jetzt in diesem Moment in Griffweite liegt bzw. welches sich am nächsten bei Dir befindet.“

Direkt neben mir liegt „The Whisperers – Private Life in Stalins Russia“ von Orlando Figes, das ich zur Zeit lese (unter anderem). Figes beschreibt, anhand von Zeitzeugen-Aussagen, Briefen und Fotos das Leben der russischen Bevölkerung und so ziemlich die komplette gesellschaftliche Entwicklung ab der Oktoberrevolution. Anhand der Generation, die so um die Revolution herum zur Welt kam („Children of 1917“) erzählt er zunächst von Kindererziehung und Familiengründung in Zeiten des Bolschewismus. Besonders Kinder aus einstmals reichen oder oppositionellen Familien wuchsen häufig in zwei Weltern auf: um zu überleben, versuchten ihre Eltern, ein bolschewistisches Vorzeigeleben zu führen, gleichzeitig gaben sie, manchmal auch die Großeltern, insgeheim alte Bräuche, Wertvorstellungen und vor allem die nun verpönte orthodoxe Religion an sie weiter. Der Große Terror lag noch in der Zukunft, allerdings zeichnete sich der Wahnsinn des Weltbildes, das damals dominierte, bereits ab:

„The defining qualification of this self-proclaimed elite was `Communist morality`. The Bolshevik Party identified itself as a moral as well as political vanguard, whose messianic sense of leadership demanded that its members prove their worthiness to belong to that elite. As one of the elect, every member was obliged to demonstrate that his private conduct and convictions conformed to the Party´s interests. […] This was not a moral system in the conventional sense. […] Rather it was a system in which all moral questions were subordinated to the Revolution´s needs.“ (Figes, The Whisperers, London 2008, S. 33.)

Als „moralisch“ galt alles, was dem Proletariat in seinem Kampf hiflreich war – Ehrlichkeit, Disziplin, und über allem Hingabe an die Sache. Bei derartigen Ansprüchen war es bis zum „Gedankendelikt“ nur noch ein kurzer Schritt. Die Kinder lernten schnell, zu schweigen, selbst in der elterlichen Wohnng, wo die Wände Ohren haben konnten. Andererseits hatten es ihre Altersgenossen aus den sowjetischen Vorzeigefamilien nicht leichter: deren Eltern arbeiteten Tag und Nacht für die Revolution und behandelten ihre Kinder wie „kleine Genossen“. Eine Frau namens Elena Bonner erinnert sich beispielsweise, dass ihre Eltern, als sie etwa zehn Jahre alt war, Abende und Nächte mit dem Verfassen von Parteibroschüren verbrachten, in denen es um „questions of Party construction“ ging. „For a long while I thought the Party built houses.“ (a.a.O., S. 14)

„The Whisperers“ ist durch die dargestellten Familiengeschichten packend und beschreibt zugleich präzise, wie eine ganze Gesellschaft dem Wahnsinn verfällt, denn nichts anderes ist diese Verbindung aus politischem und moralischen Führungsanspruch letztendlich. Das Faszinierende daran ist aber, wie die Menschen damit umgingen, und daher bliebt der Ton immer sachlich, nüchtern und gibt den Erinnerungen und Bildern der Zeitzeugen viel Raum. Auf diese Weise kommen sowohl diejenigen zu Wort, die sich dem gesellschaftlichen Klima nach der Oktoberrevolution anpassen mussten, als auch diejenige, die es schufen, bewusst oder unbewusst, im Glauben, das „Richtige“ zu tun. Wer immer noch dem platten Spruch nachhängt, Kommunismus sei eine gute Idee, nur nicht umsetzbar bzw. bislang schlecht umgesetzt worden, der wird hier auf unaufdringliche, aber nachhaltige Weise eines Besseren belehrt.

Die tun nix, die wollen nur spielen

Sportunterricht in der Schule habe ich allergrößtenteils gehasst, hauptsächlich weil ich für die meisten Sachen zu langsam/ungeschickt/wenig teamfähig war. Was ich allerdings immer ganz lustig fand, war Völkerball. Kennt ihr sicherlich: zwei Mannschaften stehen sich gegenüber und versuchen, mittels eines Balls die jeweils anderen abzuschießen. Die Getroffenen wechseln in ein Außenfeld um das ihrer Gegner und schießen weiterhin fleißig mit ab. Allerdings wird in den Schulen wohl nicht mehr lange Völkerball gespielt werden: das Bundesverwaltungsgericht findet nämlich, dass Spiele gegen die Menschenwürde verstoßen, wenn sie nach ihren Regeln darauf angelegt sind,

dass nicht nur auf fest installierte Ziele, sondern auch und gerade auf Menschen “geschossen” werde und damit Tötungshandlungen simuliert würden. […] Die Spieler würden so zu kriegsähnlichen, nahkampfgleichen Verhaltensmustern gezwungen.

Das „Abschießen“ mit dem Ball simuliert ja nun mal ganz eindeutig eine Tötungshandlung. Und man möchte ergänzen: das führt nicht nur zu nahkampfgleichen Verhaltensmustern, die Spieler üben auch noch, allein schon durch die Namensgebung, völkerrechtswidrige Handlungen ein. Das dürfte dann dazu führen, dass bei ihnen

eine Einstellung erzeugt oder verstärkt wird, die den fundamentalen Wert- und Achtungsanspruch leugnet, der jedem Menschen zukommt. […] Demnach ist ein […] Unterhaltungsspiel, das auf die Identifikation der Spielteilnehmer mit der Gewaltausübung gegen Menschen angelegt ist und ihnen die lustvolle Teilnahme an derartigen – wenn auch nur fiktiven – Handlungen ermöglichen soll, wegen der ihm innewohnenden Tendenz zur Bejahung oder zumindest Bagatellisierung der Gewalt und wegen der möglichen Auswirkungen einer solchen Tendenz auf die allgemeinen Wertvorstellungen und das Verhalten in der Gesellschaft mit der verfassungsrechtlichen Menschenwürdegarantie unvereinbar.

Wer schonmal eine Horde Grundschüler beim Völkerball beoachtet und die fröhlich-unbekümmerten „Du bist tot!“-Rufe gehört hat, der wird dem Gericht sofort zustimmen, dass die Tendenzen, die die Kinder da erlernen, eindeutig Gewalt bagatellisieren. Die werden dann später mal zu Menschen, die wir nicht auf unsere Gesellschaft und unsere Wertevorstellungen loslassen wollen.

Nee. Moment mal. In der zitierten Entscheidung geht´s ja gar nicht um Völkerball, sondern um Laserdromes. Geben wir dem Gericht mal zu, dass da die Gewaltdarstellung in der Tat auf einem weit niedrigeren Abstraktionsniveau simuliert wird, die Teilnehmer martialischer ausgestattet sind und statt Softbällen Plastikwaffen tragen. Macht das alles aber schon den Unterschied zwischen einem harmlosen Sportvergnügen und einer Menschenwürdeverletzung? Gerade der Fokus auf das „spielerische Töten“, so das Gericht, ließe mangelnden Respekt

vor der Individualität, Identität und Integrität der menschlichen Persönlichkeit

erkennen, und führe zu einer Trivialisierung und Banalisierung dieser Rechtsgüter. Schauen wir uns das mal von der anderen Seite aus an: Erwachsene Menschen befinden sich in einer abgeschlossenen Spielhallte oder auf einem abgegrenzten Spielfeld, es muss sich also keiner etwas angucken, was er nicht sehen will. Sie gehen freiwillig dahin und zahlen sogar noch Eintritt dafür, dass sie sich eine Weile lang gegenseitig belauern und mit Laserpistolen beschießen dürfen. Das Ganze passiert auf Augenhöhe, die Teams stehen sich gleichwertig gegenüber, niemand wird „gejagt“ oder sonstwie zum Opfer, und innerhalb des Teams kann man prima Zusammenhalt, Solidarität und dergleichen mehr einüben. Am Ende kommen sie wieder raus, hatten einen lustigen Nachmittag und sind aller Wahrscheinlichkeit nach immer noch Freunde, oder sogar etwas bessere. Und jetzt alle:

Die Freiwilligkeit der Teilnahme sowie das gegenseitige Einvernehmen der Spieler ist rechtlich unerheblich, weil die aus Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG herzuleitende Wertordnung der Verfassung nicht im Rahmen eines Unterhaltungsspiels zur Disposition steht.

Sobald einmal die Menschenwürde im Spiel ist, sind alle anderen Einwände hinfällig, auch die Berufsfreiheit des Anbieters oder die allgemeine Handlungsfreiheit der Spieler. Mit so einem Instrument sollte man sehr, sehr zurückhaltend umgehen – und zudem noch ein bisschen Demut walten lassen, weil auch nach Jahrzehnten angeregten Gedankenaustausches nicht so ganz klar ist, was denn nun damit gemeint ist. Laut Bundesverfassungsgericht der soziale Wert- und Achtungsanspruch des Menschen, der es verbietet, ihn zum bloßen Objekt zu machen oder ihn einer Behandlung auszusetzen, die prinzipiell seine Subjektqualität infrage stellt, worin auch eine „Würde des Menschen als Gattungswesen“ einbezogen wird. Allerdings scheinen konservative Zeitgenossen (ich behaupte jetzt mal kühn, dass man dazu auch Verwaltungsrichter zählen kann) einen völlig anderen Blick darauf zu haben – ein Spiel, dass sie doof finden, ist gleich gattungswürdewidrig. Ungeachtet der Tatsache, dass die meisten Sportspiele, wie das oben erwähnte Völkerball, aus ritualisierten Kriegs- oder Tötungshandlungen entstanden sind und sich Laserdrome, Paintball und Co relativ nahtlos in die Tradition einreihen, gewalttätige Konflikte innerhalb eines festgesetzten Rahmens und sozialer Zusammenhänge zu bändigen. Zwar sind die Vorbilder für Laserdromes existente moderne Tötungsarten, während Säbelmorde heutzutage eher selten vorkommen, dennoch ist die Verfremdung stark genug, um es eben als Spiel erscheinen zu lassen und nicht als eine Art Häuserkampftraining. Oder, wie es das OVG Lüneburg ausdrückt (Rn. 77), von dem sich das BVerwG überhaupt eine dicke Scheibe abschneiden sollte:

Der Lebenserwartung käme es wohl kaum zugute, wenn man sich mit den dort eingeübten Verhaltensweisen in einen Häuserkampf oder eine sonstige bewaffnete Auseinandersetzung begäbe.

Abgesehen davon ist bei jeder schlagenden Verbindung mit wesentlich ernsthafteren Verletzungen zu rechnen. Und schlussenendlich spielt sowas Kleinliches wie Zusammenhänge bei Begründungen eine entscheidende Rolle. Als ich das letzte Mal eine Vorlesung in Medienwirkungsforschung besucht habe, war eine Kausalität zwischen dem Spielen gewalttätiger Spiele und tatsächlichen Gewaltausbrüchen immer noch nicht empirisch belegt. Wer sich schon so paternalistisch gibt, dass er etwas verbieten will, was alle Beteiligten freiwillig machen und wobei niemand zu Schaden kommt, der sollte sich etwas Besseres einfallen lassen, als die eher diffusen „möglichen Auswirkungen auf die allgemeinen Wertevorstellungen“. Offenbar nehmen hier ein paar Leute ihre eigenen Wertevorstellungen als repräsentativ für den Rest der Gesellschaft an und nutzen die Menschenwürde schlicht als Gängelband. Und bei aller Unklarheit, aber dafür ist sie definitiv nicht da.