52 Bücher, 35. Woche: Maßlos überschätzt

Es gibt ja so Bücher, bei denen driften die allgemeine Rezeption und die ganz persönliche Wahrnehmung stark auseinander. Da ich einige Bücher für maßlos überschätzt halte, wird das eine längere Liste:

  • Der ganze Goethe. Nichts gegen Goethe, aber so toll ist er einfach nicht.
  • überhaupt das meiste vom Oberstufenlesestoff. Ich bin nicht böse darüber, „Tod in Venedig“ gelesen zu haben, und „Effie Briest“ mochte ich schon Jahre vorher, aber an den Rest kann ich mich nicht mal erinnern. (Ja, okay, Kafka. Aber Kafka ist ein Spezialfall, der meiner Ansicht nach vor allem unter sonderbaren Gesichtspunkten [„die Schrecken der Moderne vorweggenommen“] vermittelt wird.)
  • Malevil“ von Robert Merle. Merle mag andere gute Bücher geschrieben haben, aber Malevil war in erster Linie ziemlich… ekelhaft. Im südwestlichen Frankreich überleben Emmanuel Comte und einige Freunde einen Atombombenabwurf, weil sie sich gerade im Keller der Burg Malevil befanden. In einer größtenteils verwüsteten Umgebung müssen sie sich mühsam zurechtfinden und ernähren, dann stellen sie fest, dass noch einige andere die Katastrophe überstanden haben. Es kommt zu Konflikten mit Plünderern und einem despotischen Priester im Nachbardorf, in denen es hauptsächlich darum geht, wer die Frauen „haben darf“. Ich glaube, das war das einzige Mal, dass mich bei einem Roman eine explizit männliche Perspektive so gestört hat, und auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass 13 auch kein gutes Alter ist, um so ein Buch zu lesen, und ich es heute möglicherweise ganz anders aufnehmen würde, erinnere ich mich immer noch mit Grausen an die Lektüre.
  • Die letzten Kinder von Schewenborn“ von Gudrun Pausewang. Rolands Familie will eigentlich nur nach Fulda, um die Großeltern zu besuchen, doch kurz vor ihrer Ankunft wird Fulda – und der ganze Rest mindestens Mitteleuropas – von einer Atombombe getroffen. Im Gegensatz zu Malevil, wo Strahlung aus irgendeinem Grund keine Rolle spielt, sterben hier die Leute reihenweise an der Strahlenkrankheit, auch Rolands Schwestern. Der Teil, in dem Roland und seine Eltern – auf Wunsch der schwangeren Mutter  – in ihre Heimatstadt Frankfurt zurückkehren, nur um festzustellen, dass dort ebenfalls alles dem Erdboden gleich gemacht wurde, gehört zum Herzerreißendsten, was die Jugendliteratur zu bieten hat. Obwohl ich nächtelang Alpträume davon hatte, hat das Buch bezüglich meiner grundsätzlichen Einstellung zur Atomenergie wohl sein Ziel verfehlt (wohlgemerkt, dort ist ein Szenario beschrieben, in dem der Kalte Krieg eskaliert, kein explodierender Reaktor) und die Detailliertheit, mit der die Autorin den Zusammenbruch der Zivilisation und die auftretenden Krankheiten und Todesfälle beschreibt, grenzt an Blutrünstigkeit. Was ironischerweise dazu führt, dass man  – oder jedenfalls ich – sich der Lektüre emotional komplett verschließt und sie somit ihre angestrebte Wirkung verfehlt.
  • Der Dunkle Turm„, Stephen King. Dass auch hier der Protagonist Roland heißt, kann kein Zufall sein, und auch wenn seine Welt sich „weiterbewegt“ hat, ähneln die Auswirkungen teilweise denen einer starken radioaktiven Verstrahlung, zumal auch gelegentlich etwas in der Art angedeutet wird. Davon abgesehen ist die Geschichte mit sieben Bänden einfach zu lang – es hätte eine brillante Trilogie sein können, hätte Mr. King sich kurz gefasst und darauf verzichtet, sich selbst einzubauen und obendrauf noch eine der Figuren ihr Leben für ihn opfern zu lassen. Der willing suspense of disbelief verließ mich an dieser Stelle schlagartig und kam auch nicht wieder.

3 Kommentare

  1. Hm. 1 und 2 ja, 3 und 4 kenne ich nicht, bei 5 wäre mir nicht bewusst, dass das irgendjemand besonders hoch einschätzen würde. Ich mochte es zu großen Teilen. Insbesondere Kings Auftritt fand ich überraschend gut gelöst. Da hatte ich weitaus größere Peinlichkeiten befürchtet. Für mich obere Mittelklasse, und ich kenne persönlich auch niemanden, der es woanders einordnen würde, auch wenn ich natürlich keine Zweifel habe, dass es diese Leute irgendwo gibt.
    Mir fällt ja zu „maßlos überschätzt“ (bei Büchern) immer zuerst der Herr der Ringe ein, und eigentlich pauschal die meisten konventionellen Bestsellerautoren (Tom Clancy, Grisham, blah…)

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    1. Naja, das ist auch eher meine gefühlte Wahrnehmung der allgemeinen Meinung. Den Herrn der Ringe habe ich dafür gar nicht mehr auf dem Schirm gehabt, aber da hast du Recht, der gehört eigentlich auf die Liste.

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